VON Tobias Reitz ZU New Work | 19.08.2021
SCHLAGWÖRTER

Experiment

Landleben

Auf der Suche, wie sie in Zukunft leben und arbeiten wollen, haben Anna und Tobi ihr Homeoffice nach Homberg verlegt. Ihr Zwischenfazit vom Summer of Pioneers, dem Experiment Landleben.

Zoom, zoom, zoom, quäntchen zoom herum. Keine vier Monate ist es her, da saßen wir tagein, tagaus im kleinen Behelfs-Homeoffice am Schreibtisch im eigenen Schlafzimmer in Darmstadt und moderierten einen Workshop nach dem anderen

Nun sitzen wir hier. Hier, in Homberg (Efze) in einer Gemeinschaftsküche, die vor kurzem noch eine Apotheke war. Gemeinsam mit unseren „Homies“, den 20 weiteren Klein- und Großstädter*innen, die mit uns für den Summer of Pioneers in die nordhessische Provinz gezogen sind, holen wir endlich die Vorstellungsrunde nach. Wir erfahren, dass Netzaktivist Jens den Weltrekord im Unterwasser-Kickern initiierte. Wir hören, wie Verena Spiegel-Redakteurin wurde und warum Webentwickler Marian einen Staplerführerschein hat. Und wir merken, dass in nur drei Monaten aus Alten und Jungen, aus Familien und Singles eine echte Gemeinschaft entstanden ist, „Homies“ eben.

In Homberg wohnen wir rund um den historischen Marktplatz in WGs und Wohnungen oder – wie wir – in einem hutzeligen Fachwerkhäuschen. Hier arbeiten wir remote vom Coworking-Space im ehemaligen Optiker für Projekte und Unternehmen in Deutschland und der Welt oder – wie wir – von der ehemaligen Tourismus-Info aus mit 700-Mbit-Leitung für quäntchen + glück.

Foto: Summer of Pioneers

Der Pioneers-Campus auf dem Marktplatz

Auszeit auswärts = Auswärtszeit!

Annas Wunsch nach Auswärtszeit

Kurzer Sprung zurück in den April. Angefangen hat unser kleines Abenteuer mit Annas Wunsch nach einer Auswärtszeit. „Ich möchte gerne woanders arbeiten. Zumindest eine Zeit lang“, schrieb sie auf LinkedIn. Und Jonathan, einstiger Kommilitone und Projektleiter des Summer of Pioneers Homberg, antwortete prompt:

Screenshot von Jonathans Hinweis auf den SUmmer of Pioneers auf LinkedIn

Können wir das wirklich machen? Ein halbes Jahr wegziehen? Mitten in der Pandemie? Mit zwei kleinen Kindern, die sich nach all dem Chaos in neuer Kita eingewöhnen müssen? Warum eigentlich nicht! Mehr Natur, mehr Menschen, mehr Tapetenwechsel – das kann uns bei all dem Corona, Corona, Corona nur gut tun.

Und so packten wir wenige Wochen später unser Lastenrad und was man sonst zum Leben braucht in einen kleinen Transporter und zogen begleitet von einem TV-Team nach Homberg (Efze). 

Die ersten Wochen waren geprägt von hohen Inzidenzen, zwei Kita-Eingewöhnungen, Dauerregen und Sehnsucht nach vegetarischen Optionen auf Speisekarten. Doch geblieben ist das Gefühl, Willkommen zu sein. Egal ob Bauhof oder Bauernhof, Homberger oder Homeberger – sie alle machten uns das Ankommen in Homberg einfach.

Tobi aus Berlin an den Decks auf dem Burgberg in Homberg (Efze).

Foto: Anna Groos
Einsatz für Kommune und Community

Der warme Empfang und die Vernetzung zwischen „Homies“ und Homberger*innen ist Teil des Konzepts und des Deals. Wir Pionier*innen bekommen subventionierte, möblierte Wohnungen samt Internet-Flat. Im Gegenzug bringen wir uns nach Feierabend mit Wissen und Netzwerken in der Stadt ein. Zur Halbzeit des Projekts lässt sich festhalten, der Plan geht auf. Wann immer Zeit ist, engagieren wir uns für Kommune oder Community.

Mal sind es handfeste Projekte: ein Hochbeet auf dem Marktplatz bauen, oder den Gemeinschaftsgarten am Burgberg entwildern. Den befreundeten Biobauern im Kampf gegen den Knöterich helfen, oder eine Bank mit Blick ins hessische Hügelland reparieren.

Mal sind es Projekte, die über den Summer of Pioneers hinaus wirken werden. Pionier*innen schreiben Anträge und Konzepte für eGovernence-Projekte oder Maker Spaces. Aus den vielen leer stehenden Geschäften in der historischen Altstadt sind „Frei Raum Stationen“ geworden. Orte, die wir Homies oder die Homberger*innen mit neuen Ideen füllen können.

Mal sind es Projekte für uns als Gemeinschaft. Zwei Mal pro Woche lädt Lisa, Köchin aus Wien, die für den Summer of Pioneers zurück in ihre alte nordhessische Heimat gezogen ist, zum vegetarischen Mittagstisch. Donnerstags gehen wir nach dem Wochenmarkt zum Sundowner auf den Burgberg (und manchmal nimmt Tobi, Teilzeit-DJ aus Berlin, seine Turntables mit). Selbst unser fünfjähriger Sohn Carlo hat sein erstes Projekt realisiert und für alle Homies eine große Schatzsuche und Schnitzeljagd durch Homberg organisiert.

Von Hochbeet bauen bis Knöterich rupfen

An Wortwitz mangelt es nicht.

Laundry Hepburn, El Washino und der Waschbot

Ein persönliches Highlight-Projekt ist Marians „Waschbot“. Die Gemeinschaftsküche ist auch Waschküche. Alle Teilnehmer*innen des Projekts teilen sich zwei Waschmaschinen und zwei Trockner. Dass das problemlos klappt, liegt auch am Waschbot. An Laundry Hepburn, El Washino, The Trock und Marty McDry klebt jeweils ein QR-Code. Den scannt man, gibt die Wasch- oder Trockenzeit ein und der Waschbot postet automatisch eine Notification im Waschküchen-Channel auf Slack.

Der Waschbot ist Sinnbild. Sinnbild für unsere Kommunikationskultur, die nichts mit Kommunen-Klischés gemein hat. Hier gibt es keine ermüdenden Plenen, keine langatmigen Diskussionen; dafür ein knackig moderiertes Weekly, Slack und den besagten Waschbot.

Er ist auch Sinnbild für Sharing ohne Economy. Was zu Hause im Mehrfamilienhaus utopisch scheint, funktioniert beim Summer of Pioneers. Wir teilen uns Waschmaschinen, E-Bikes, Werkzeug, Dieses und Jenes. Alles ist nur eine Frage auf Slack entfernt. Wissenschaftler wie Niko Paech betonen stets, dass das Teilen ein wichtiger Hebel ist, nachhaltiger zu leben. Der Summer of Pioneers und das „Co-Living“, das wir hier rund um den Marktplatz praktizieren zeigt, wie uns das Teilen besser gelingt.

Es muss kein Einfamilienhaus im Grünen sein!

Von Co-Living und KoDörfern

Das Co-Living auf dem Land denken Frederik Fischer und Jonathan Linker, Initiatoren des Summer of Pioneers, längst weiter. Ihre KoDörfer, die derzeit an zwei Standorten in Deutschland entstehen, bestehen aus einer Vielzahl kleiner, ökologisch gebauter Holzhäuser und großen Gemeinschaftsflächen. Genossenschaftlich organisiert und gemeinwohlorientiert. Ein Gegenentwurf zum Donut-Effekt in vielen ländlichen Kommunen, wo rund um einen ausgestorbenen Ortskern monotone Einfamilienhäuser stehen – samt Weber-Grill, Trampolin, Planschbecken, Erst- und Zweitwagen. 

Dass solch ein Einfamilienhaus im Grünen für uns als Familie mehr Alptraum als Traum ist, ist eine große Erkenntnis nach drei Monaten Experiment Landleben. Noch mehr Flächenversiegelung, noch mehr Konsum und schleichende Vereinsamung – das ist zumindest nichts für uns.

Was Remote-Work möglich macht

Viele weitere Erkenntnisse hatten wir. Zum Beispiel die, dass wir die Vorteile von Homeoffice zu sehr auf vermiedene Pendelkilometer reduzieren, wenngleich das tatsächlich gut fürs Klima ist. Remote-Work ist viel mehr als das. In Zukunft können wir Leben und Arbeiten völlig neu denken.

Dass wir Pionier*innen allesamt remote arbeiten und nah beieinander wohnen, gibt uns Zeit. Zeit, die wir früher vielleicht in S- und U-Bahnen verbracht haben. Zeit, die wir jetzt haben, uns für Homberg zu engagieren. Zeit, zu teilen. Zeit, Zeit miteinander zu verbringen.

Täglich haben wir verabredete und unverabredete Verabredungen. Wir wandern, essen und spielen zusammen – meist nicht in unseren Wohnungen und Wohnzimmern, sondern in den gemeinschaftlich genutzten Flächen. Jede*r hat Verantwortung für den Raum. Niemand ist Gast oder Gastgeber*in. Und jede*r kann gehen, wenn die Augen schwer werden.

Homeoffice heißt: Mehr Zeit für die wichtigen Dinge!

Foto: Jonathan Linker

So kann man freie Zeit auch verbringen: Grillabende auf wunderschönen Fachwerkhöfen

Experiment-Mindset als gemeinsamer Nenner

Niemand kam mit Antworten

Oft haben wir uns in den letzten Tagen gefragt, warum wir 20 Homies so gut als Gemeinschaft funktionieren. Ist es die Affinität zum Digitalen? Ist es die gemeinsame Lust aufs Land? Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch das: Niemand ist mit Antworten nach Homberg gekommen. Und niemand in Homberg hat sie von uns erwartet. Dafür haben wir alle viele Fragen und große Lust auf Experimente. Diese Offenheit – sie verbindet uns.

Noch bis Ende Oktober sind wir hier in Homberg. Dann endet der Summer of Pioneers. Vorerst. Und zumindest für uns. Während mindestens die Hälfte der Teilnehmer*innen länger oder gar langfristig in Homberg bleiben möchte, werden wir erstmal nach Darmstadt zurückkehren. Schon jetzt sind wir dankbar für all die Erfahrungen, die wir hier machen und die Menschen, die wir hier treffen konnten. Und wer weiß, welche Experimente wir noch starten und welche Erkenntnisse uns noch kommen werden.

Das Fazit, das wir noch nicht ziehen müssen

Müssten wir heute schon ein Fazit ziehen, wäre es dieses: Es ist nicht unbedingt das Landleben, das uns gepackt hat. Es ist das Leben in einer Gemeinschaft von vielfältigen Gleichgesinnten. Das Land ist nur der Ort, wo wir womöglich den Platz finden, ein solches Leben zu führen.

Wenn „New Work“ nach Prof. Dr. Frithjof Bergmanns Definition die Antwort auf die Frage ist, wie Menschen wirklich, wirklich arbeiten wollen, dann stellt „New Living“ die Frage, wie wir wirklich, wirklich leben wollen. Der Antwort sind wir hier in Homberg ein großes Stück näher gekommen. Gut, dass wir rausgekommen sind. Gut, dass wir den Schreibtisch im Schlafzimmer eine Zeit lang verlassen haben.

Tobias Reitz

Über den Autor

Tobias Reitz

Tobi ist Diplom-Online-Journalist, stolzer Papa und war vor elf-komma-ebbes Jahren Mitgründer von quäntchen + glück. Seitdem hat er nie das Unternehmen, wohl aber seine Jobs gewechselt. Erst entwickelte er Content- und Social-Media-Strategien, dann konzipierte er Websites, heute moderiert er Workshops – am liebsten Design Sprints – und begleitet Veränderungsprozesse. „Challenge the Status Quo“, steht auf einem seiner T-Shirts. Und das macht Tobi: mit seinen Kunden, mit quäntchen + glück und mit seinem Leben. Die neueste Challenge: Für den „Summer of Pioneers“ ist er mit Anna und den Kids aus dem urbanen Rhein-Main-Gebiet ins ländliche Nordhessen gezogen: sechs Monate Co-Living und Co-Working in Fachwerkidylle – auf der Suche nach der Zukunft von Land und Leben. Nur eines wird sich wohl nie ändern: Tobi gibt’s nur mit Batschkapp‘ auf dem Kreativkopf.

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