VON Jan-Kristian Jessen ZU Journalismus | 19.12.2013
SCHLAGWÖRTER

Was Journalisten heute lernen müssen

Timo Stoppacher hat auf fitfuerjournalismus.de zur Blogparade aufgerufen. Darin bittet er, ihm bei der Recherche für einen Artikel zum Thema „Was Journalisten heute lernen müssen“ zu helfen. Einige Blogger sind diesem Aufruf bereits gefolgt. Darauf möchte ich zuerst eingehen:

Ich gebe Andreas Grieß recht: Der Umgang mit Steuer und Versicherungen sollte in der Ausbildung gelehrt werden.

Ich gebe Heiko Kunzmann von Medienpraxis recht: Journalisten sollten – neben Twitter, Facebook und Co. – vor allem eines beherrschen: Geschichten finden, die es wert sind, erzählt zu werden.

Ich gebe Christiane Brandes-Visbeck recht, denn Mut haben und Regeln brechen, ist für Journalisten besonders wichtig!

Und natürlich hat auch Franz Neumeier recht: Viele Grundfähigkeiten eines Journalisten sind heute dieselben wie vor 20 Jahren,das heißt nicht nur strukturiert und termingerecht zu arbeiten, sondern auch neugierig zu sein: auf neue Recherche-Tools, Darstellungsformen und Arbeitsweisen.

„Ich widerspreche!“

Ich stimme aber auch Sandra Sperber zu, die Franz Neumeiers Blogbeitrag kommentiert hat mit: „Ich widerspreche! Natürlich verändert sich der Job und die nötigen Grundkenntnisse.“ Sie führt den Gedanken in ihrem Beitrag „Was Journalisten heute lernen müssen“ weiter aus. Denn was Franz Neumeier als selbstverständliche Grundfähigkeit bezeichnet (zum Beispiel rasches und zuverlässiges Recherchieren), ist heutzutage gar nicht mehr so einfach: Wie entscheiden ob ein Tweet echt ist oder ein Bild manipuliert wurde?

In meinen Augen hat das Internet vor allem den Prozess, den Ablauf der journalistischen Arbeit, verändert. Ich weiß, theoretisch ist allen Journalisten klar, was Prozessjournalismus ist, aber praktisch wird er in Deutschland kaum gelebt. (Der Artikel von Lorenz Matzat ist zwar schon von 2011, meiner Meinung nach aber auch 2013 noch aktuell.)

Nicht lineare Prozesse in der journalistischen Arbeit oder warum Netzwerke heute Grundlage für guten Journalismus sind

Früher war die Arbeit für einen Journalisten getan, wenn er seinen Artikel geschrieben hat. Heute ist damit allenfalls ein Drittel der Arbeit erledigt. Warum? Weil der Artikel kommentiert und geteilt wird. Weil Leser Anmerkungen, Verbesserungsvorschläge liefern und neue Ansätze zu Themen finden. Es war schon immer so, dass es Leser gab, die mehr über das Thema des Artikels wissen als der Journalist selbst. Nicht verwunderlich: der Journalist arbeitet sich ja ständig in neue Themengebiete ein.

Bisher konnte der gemeine Journalist aber so tun, als ob er das Hoheitswissen gepachtet hätte. Die Zeitung war gedruckt und wenn die Redaktion nicht wollte, musste auch kein Leserbrief mit Protesten in der nächsten Ausgabe erscheinen. Heute stehen unter Artikeln von Spiegel Online 100 Kommentare und sie werden in verschiedenen Netzwerken geteilt. Von einem guten Journalisten erwarte ich, dass er diese Kommentare systematisch monitort, Fragen beantwortet, Ideen und Anregungen aufgreift, Kontakt zu den Experten unter den Lesern sucht und weiter an seinem Thema arbeitet. Redaktionen sollten grundsätzlich einplanen, dass ein Journalist noch mehrere Tage Nachbereitungs- und Weiterbearbeitungszeit für einen Artikel braucht.

Das ist noch nicht alles, denn die richtig guten Journalisten öffnen dieses Tor zum Leser schon während der Recherche und nicht erst, wenn sie ihren Artikel veröffentlichen. Es ist wie es Jeff Jarvis schon 2009 geschrieben hat: „This is journalism as beta“.

mediachartprocess von Jeff Jarvis

Quelle: Jeff Jarvis (2009),
Product v. process journalism: The myth of perfection v. beta culture

Die einzige Angst, die ein Journalist haben sollte, ist die Angst vor seiner eigenen Macht

Dieser ganze Prozess ist alles andere als linear. Nicht jeder Hinweis ist relevant. Welche Hinweise es sind, weiß man aber erst, wenn man allen nachgegangen ist. Deshalb muss ein Journalist keine Rampensau sein, aber kommunikativ. Wer Angst hat zum Telefon oder zur Direct Message via Twitter zu greifen, sollte kein Journalist werden. Wer Angst hat, Fehler zuzugeben, sollte kein Journalist werden. Wer keine Angst davor hat, welche Macht er als Journalist in Händen hält, sollte aber erst recht kein Journalist werden. Denn Journalisten können mit Falschmeldungen und -darstellungen großen Schaden anrichten, und das geht Dank großen Reichweiten in sozialen Netzwerken, simpler Shareability-Optionen und fehlendem Fact checking heute schnell – ohne böse Absicht und mit wenigen Klicks. Der Journalist Tobias Gillen musste zum Beispiel vor kurzem die Erfahrung machen, dass ein scharzhaft gemeinter Tweet, den er über seinen privaten Twitter-Account versendetet, unangenehme Folgen nach sich zog. In seinem Blogbeitrag „Ferrari-Grünen-Bild: Was ich aus der Social-Media-Welle lernte und warum ich das Bild löschte“ berichtet er davon. Zeitgemäß ist, dass er den Vorfall sofort öffentlich in seinem Blog thematisierte und somit half, den fälschlicherweise entstandenen Eindruck, den sein Tweet verursachte, zu korrigieren.

Statt des eigenen Kürzels lieber mal diese hier googeln: VDS, NSA und LSR

Ich weiß, das ist viel verlangt, aber Journalisten müssen verstehen wofür diese Kürzel stehen und was das für sie und ihre Leser bedeutet. Während der Finanzkrise hieß es oft, dass Journalisten eine Mitschuld an dieser Krise tragen, weil sie das Thema nicht als solches erkannt, nicht durchdrungen und es ihren Lesern nicht verständlich erklärt haben – das Gleiche gilt meiner Meinung nach auch für die Themen VDS, NSA und LSR.

Jan-Kristian Jessen

Über den Autor

Jan-Kristian Jessen

Jan ist verrückt. Verrückt nach Fußball. Und bescheiden: Sein Herz gehört keinem der großen Vereine, sondern den Sportfreunden aus Siegen. Mindestens genau so sehr schlägt es für das geschriebene Wort. Zeichen um Zeichen, immer auf der Suche nach der richtigen Formulierung. Bei quäntchen + glück ist er der Finanz-Minister.

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