VON Jan-Kristian Jessen ZU Allgemein | 10.09.2012
SCHLAGWÖRTER

Junge Programmierer und zweifelhafte Gesetze –

der Wochenrückblick

Programmieren als Grundschulfach? In Estland bald Realität. Deutschland hingegen macht sich, laut Web-Index, als Internet-Standort unattraktiv.

Programmieren wird zum Kinderspiel

Estland sorgt mal wieder für Begeisterungsstürme in der Technikwelt. Das kleine Land am Rande des Baltikums führt Programmieren als Grundschulfach ein und will damit seinen Technikvorsprung weiter ausbauen.
Die grundsätzliche Technikaffinität der Esten brachte auch Ave Lauringson von der Tiger Leap Stiftung auf eine Idee. Warum nicht Kindern im Grundschulalter schon das Programmieren beibringen? Nach nur etwa einem halben Jahr wurde aus der Idee Realität. Das Projekt hört auf den Namen „ProgeTiiger” und soll Schülern schon ab der ersten Klasse spielend mit dem Programmieren vertraut machen. Anfangs soll das Projekt in einigen Grundschulen getestet werden. Im folgendem Jahr soll es dann freiwillige Wahl- und Zusatzkurse in der Mittel- und Oberstufe geben. Finanziert wird dies durch die estnische Regierung.

Bis zum Ende des Jahres stellt diese in Kooperation mit Wirtschaftpartnern bis zu 70.000 Euro zur Verfügung. Das Geld soll für Kurs-Materialien und die Schulung der Lehrkräfte genutzt werden. Andre Länder denken über ähnliche Projekte nach, aber die Idee ab der ersten Klasse zu starten sei einzigartig, so Lauringson gegenüber Forbes. Mit nur 1,3 Millionen Menschen sei Estland eine Art Modellland für solche Projekte. Neue Projekte seien dort sehr einfach durchzuführen.

Estland bringt im Verhältnis zu seiner Größe überdurchschnittlich viele Entwickler und Technik-Startups hervor. Bekannt ist es in der Technikwelt vorallem für seine hervorragenden Internetverbindungen. Auch der Voice-over-IP-Dienst Skype hat von der sehr guten technischen Infrastruktur profitiert. Skype wurde in Estland entwickelt und betrieben. Mittlerweile wurde das Unternehmen für 8,5 Milliarden US-Dollar an Microsoft verkauft.

Für die jüngsten Schüler geht es aber nicht nur um Programmiersprachen wie Java, Perl und C++. Auch wichtige Logikfähigkeiten können so spielerisch geschult werden. Damit würden sich die benötigten Kompetenzen praktischerweise mit Fächern wie Mathematik und Robotik überschneiden. Die kindliche Neugier soll zu spielerischen Erfolgen führen. Kinder und Heranwachsende dürfen nicht bloße Konsumenten von moderner Technik sein, sondern sich von Software-Nutzern zu Software-Programmierern entwickeln.

Auch von deutscher Seite gibt es ähnliche Forderungen. Der deutsche Blogger Nico Lumma hat Anfang des Jahres gefordert, Programmieren als „zweite Fremdsprache” zu etablieren. Programmieren werde in der Zukunft immer essentieller und wer wissen wolle, wie die digitale Welt funktioniere, müsse ihre Sprache sprechen. „Eine Programmiersprache als zweite Fremdsprache sollte zum Pflichtprogramm an jeder weiterführenden Schule in Deutschland werden.”, so Lumma.

Web Index 2012: Deutschland nur Mittelmaß

Tim Berners-Lee, der Wegbereiter des Internets, hat mit seiner Organisation der „World Wide Web Foundation” das Projekt „The Web Index” ins Leben gerufen. Das Projekt soll die Web-Entwicklung bestimmter Länder möglichst vielschichtig abbilden.

Für Deutschland hat es im diesjährigen Ranking nur für einen Platz bescheidenen 16. Platz im Mittelfeld gereicht. In den vergangenen Jahren kam Deutschland mit Platz 14 und 15 nur unwesentlich besser davon. Spitzenreiter sind Schweden, die USA und das Vereinigte Königreich. Auf den letzten Plätzen tummeln sich der Jemen und Zimbabwe. Insgesamt wurden 61 Länder untersucht. Für die anderen Länder gebe es einfach nicht genügend verwertbare Daten. Gemessen werden eine Vielzahl von Daten wie die Anzahl der Internet-Anschlüsse, die Geschwindigkeit des Netzes, die Web-Nutzung, sowie politische Faktoren, wie die Auswirkungen des Internets auf Staat, Gesellschaft und Wirtschaft.
Gründe für die eher schlechte Platzierung Deutschlands sind unter anderem die als belastend eingestufte Regulierung des Netzes durch die Politik und die fehlende Nutzung des Internets durch die Politik. Dies spiegelt sich besonders in dem Punkt Netzpolitik, wo es nur für Platz 23 von 61 gereicht hat. In der Kategorie Kommunikationsinfrastruktur hingegen, also der Zahl und der Qualität der Internetanschlüsse, kann Deutschland erwartungsgemäß mit einem guten zwölften Platz punkten.

Mit der schlechten Bewertung Deutschlands im Web Index hat man in der Bloggerszene längst gerechnet. Blogger Martin Weigert (Netzwertig.de) geht sogar noch einen Schritt weiter und spricht von Deutschlands gestörtem Verhältnis zum Netz. Er empfindet das Ergebnis als eine große Enttäuschung. Nicht weil er mit einem besseren Ergebnis gerechnet habe, sondern weil die Deutschen in vielen anderen Disziplinen nach Exzellenz streben. In vielen Teilbereichen des Netzes hingegen habe Deutschland sogar einen massiven Nachholbedarf: Die Nation die sich sonst gerne als großer Innovator und Vorreiter präsentiert, hinke in diesem derart wichtigen Segment hinterher. Die Entscheidungsträger scheinen sich in Netzangelegenheiten keine großen Gedanken zu machen, so Weigert. Auch die Berichterstattung in den Medien über das Ergebnis des Web Index halte sich in Grenzen.

Ausdruck und Krone der Inkompatibilität der Politik mit dem Netz ist für Weigert das neue Leistungsschutzrecht. „Das Internet ist die Voraussetzung für Wohlstand, Freiheit und Demokratie in den nächsten Jahrzehnten, nicht der Axel-Springer-Verlag oder die anderen Befürworter des Leistungsschutzrechts. Solange wir der weit verbreiteten Bewahrer- und Kontrollmentalität nachgeben, untergraben wir das Fundament, das zur erfolgreichen Meisterung des Wandels zur digitalen Wissensgesellschaft erforderlich ist”, so Weigert in einem Blogartikel. Er fordert mehr Experimentierfreude und die Fähigkeit, alte Strukturen aufgeben zu können. Nur dann könne man einer Vorreiterrolle gerecht werden. Dass dies keine Frage der Größe ist, beweist zur Zeit ein kleiner Staat am Rande der Europäischen Union.

Jan-Kristian Jessen

Über den Autor

Jan-Kristian Jessen

Jan ist verrückt. Verrückt nach Fußball. Und bescheiden: Sein Herz gehört keinem der großen Vereine, sondern den Sportfreunden aus Siegen. Mindestens genau so sehr schlägt es für das geschriebene Wort. Zeichen um Zeichen, immer auf der Suche nach der richtigen Formulierung. Bei quäntchen + glück ist er der Finanz-Minister.

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